Dienstag, 7. November 2017

Sättel und Zäumungen - Was braucht das Pferd?

Pferdeschwemme auf dem Landgestüt Redefin
Da unser praktisches Üben immer mehr an Gewicht gewinnt, finden wir uns jetzt in etwas größeren Abständen zu Fachseminaren zusammen. Ziel der Ausbildung zur Pferdefachtherapeutin für Osteopathie und physiotherapeutisches Training ist, das Pferd ganzheitlich zu betrachten und in diesem Sinne auch die Therapie festzulegen. Das ist eine große Aufgabe. Aber inzwischen habe ich gelernt, alles in kleine Portionen zu teilen. Die kauen sich einfach leichter. ;-)
Am letzten Wochenende gab es allerdings einen großen Happen in Form einer Schulung zur Beurteilung von Sätteln, Trensen und Zäumungen. Das war für mich als Padreiterin mit kalifornischer Hackemore besonders spannend. Ich erwartete von dem Seminar nicht weniger als zu verstehen, warum Menschen ihren Pferden bestimmte Geräte ins Maul legen und was diese dort bewirken. Das Thema Sättel hatte ich ja bereits gefrustet zur Seite gelegt, weil ich einfach keinen finden kann, der sowohl mir als auch meinem Pferd zuträglich ist. Die Geschichten, die ich von anderen mehr oder weniger verzweifelten Sattelsucherinnen gehört habe, kennt vermutlich jeder. Diese Odyssee von einem Sattler zum nächsten unter Hinzuziehung diverser Fachleute ist manchmal unbeschreiblich. Sie kostet neben viel Geld auch eine Menge Energie. Letztlich hängen dann drei Sättel im Schrank, die nicht passen, und die Suche ist immer noch nicht beendet.

Wenn der Sattel zwickt

Sind die Kissen symmetrisch,
ist die Wirbelsäule frei?
Rein äußerlich können sicherlich die meisten Reiter erkennen, ob der Sattel gerade liegt. Die Sitzfläche sollte sich parallel zum Boden befinden. Aber es gibt noch mehr Kriterien als ich Finger an beiden Händen habe, um die Paßform zu beurteilen. ;-) Je mehr Schrauben zu drehen sind, desto feiner wird das Ergebnis. Aber desto schwieriger wird es auch, alle Bedingungen zu erfüllen. Da steht dann schon gleich das Wort KOMPROMISS im Raum.
gemeinsames Ziel: das Wohl der Pferde
Zu meiner großen Freude fand das Seminar auf dem Landgestüt Redefin statt. Als 15Jährige träumte ich davon, dort als Tierärztin arbeiten zu können. Jetzt - 35 Jahre später – war ich als Osteopathin dort und konnte einen Blick hinter die Kulissen werfen. Uns empfingen uns in hellen, luftigen Ställen die vierbeinigen Herren, sprichwörtlich mit den Hufen
scharrend. Aber wir konnten ja nicht alle bespaßen. Sie waren teilweise sehr neugierig. Eine schöne Atmosphäre, die durch die aufgeschlossenen Mitarbeiter unterstützt wurde. :-)

Endlich durften wir mal wieder mit Kreide auf
Sambesi hatte viel Geduld
Pferden herummalen. Das ist für mich ein schönes Mittel, um zu verstehen. Anatomische Abbildungen sind gut und wichtig. Aber die Strukturen mal am Pferd zu sehen und ertasten zu können, das ist eine ganz andere Nummer. Wir haben sechs (oder auch sieben) Sinne, warum sollten wir die nicht so effektiv wie möglich nutzen? Die Sättel wurden nicht nur nach dem Sitz betrachtet. Auch das Innenleben wurde einer genauen Begutachtung unterzogen. Am zweiten Tag führte Margit Köhler-Otto auch noch Satteldruckmessungen durch, die sehr interessant waren. Die Reiterin musste einiges ausprobieren: nach hinten legen, von vorne beugen, in der Hüfte abknicken, auf mehr oder weniger thronartigen, wackeligen Konstruktionen reiten. Jede Variante veränderte die Drucksituation Sattel/Pferd.


Beeindruckend hat mich eine ganz schlichte Geschichte. Maike Knifka hatte einen Woilach mitgebracht. Diese früher bei der Kavallerie gebräuchliche und heute noch besonders bei Wanderreitern beliebte Pferdedecke zeigte nicht nur eine gute Druckverteilung. Durch die Wolle werden die Muskeln des Pferdes gewärmt, was nicht nur das Pferd, sondern auch das Osteopathenherz erfreut. Die Reibungsableitung ist durch die sechs Schichten sehr hoch. Unsere Reiterin hatte trotz der sechs Lagen nicht das Gefühl, auf einem Thron zu sitzen. Vielleicht mal wieder eine Idee, deine Ausrüstung zu überdenken – auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit.

Trense raus!

Die Untersuchungen von Dr. Cook sind vermutlich allgemein bekannt. Ich verlinke hier trotzdem noch eine Seite. Die Erkenntnis, dass im Pferdemaul kein Platz für irgendetwas außer dem ist, was die Natur für notwendig und sinnvoll erachtet, scheint im FN-Land Deutschland noch nicht so richtig verstanden worden sein.

Hast du Lust auf einen kleinen Test?

Lege mal einen Finger in deinen Mund – ganz hinter den letzten Backenzahn auf den Kiefer - und drücke leicht. Die Region ist druckempfindlich, oder? Jetzt verstärke mal den Druck soweit du kannst? Geht nicht, weil du das nicht aushalten kannst? OK. An so einer empfindlichen Stelle liegt die Trense im Pferdemaul – je nach Modell mehr oder weniger. Das Pferd fühlt da die gleichen Schmerzen wie du.
Ich möchte das Thema gar nicht weiter vertiefen, weil ich mich dann leicht hineinsteigere. Nicht ohne Grund reite ich ohne Trense, aber auch einige gebisslose Zäumungen haben es in sich. Deshalb ist auch hier geraten, nicht nur sorgsam zu prüfen und sich zu informieren, bevor man die Zäumung umstellt. Auch das Pferd muss die andere Hilfengebung lernen. Nimm dir dafür Zeit auf dem Boden, bevor du in den Sattel steigst. Vielleicht suchst du dir auch einen damit erfahrenen Trainer, der dich unterstützen kann.
Ich blicke jetzt auf ein sehr schönes Wochenende zurück. Ich habe viel gelernt. Meine Fragen wurden beantwortet. Ich habe jetzt eine Ahnung davon, warum noch viele Reiter auf die Trense vertrauen. Wenn du zu ihnen gehörst, dann bitte ich dich: Trau dich! Versuch’s mal mit weniger. Ich kann mich noch an mein erstes Mal ohne Sattel erinnern. Ich war unheimlich stolz, mich getraut zu haben und sehr glücklich. Nie vorher war ich meinem Pferd so nah und konnte es wirklich spüren. Diese Verbindung ist immer stärker geworden, je mehr ich von äußeren Hilfsmitteln loslassen konnte.
Das große Portal und zwei kleine Gestalten.
Danke Andrea, dass du so schöne
Fotos aufgenommen hast.



Sonntag, 11. Juni 2017

Welche Haltungsform ist die beste für mein Pferd?

Eine neue Freundin?
Je mehr ich über Pferde lerne, desto kritischer werde ich. Wissen verändert. Auch ich kann mich dem nicht verwehren.

Als ich Madeira kennen lernte, war sie gerade nach sieben Jahren Weidehaltung in einen Stall mit Box und täglichem Weidegang umgezogen. Sie hatte große Probleme, sich dort einzuleben. Ihr fehlten nicht nur ihre Bezugspersonen und ihre Herde, sie konnte auch die Box - das Eingesperrtsein - nur schwer ertragen. Madeira hat während der ersten Wochen stark gewebt und war sehr unausgeglichen. Irgendwann wurde es besser. Aber richtig entspannt hatte sie sich dann erst auf dem Forstgut Rehrhof. Sie wurde liebevoll betreut, hatte eine wirklich große Box, die täglich komplett gemistet wurde. Auch Pferde mögen es sauber. Im Übrigen ist die Matratzenstreu nicht nur schlecht für die Hufe, weil die permant in einer Ammoniaklauge stehen. Sie ist einfach zu weich, um dem Pferd physiologisch gut zu tun.

Bei meiner weiteren Stallsuche schied somit das Modell Box-Weide/Paddock aus. Ich konzentrierte mich jetzt auf Offenställe. Die gibt es aber in allerlei Spielarten:

Sommerweide

Endlich in der neuen Herde
Die Pferde stehen von Mai bis Oktober auf einer Weide. Sie können sich dort frei bewegen, haben Wasser und frisches Grün. Selten haben sie aber die Möglichkeit, sich unterzustellen. Auf manchen Weiden stehen große, alte Bäume, die Schutz bieten, aber meist steht die Herde in der Gegend herum. Auf einem Hof fragte ich nach einer Unterstellmöglichkeit bei starker Sonne oder Unwetter. Da wurde mir gesagt, dass sie so etwas tatsächlich mal hatten, aber die dominanten Pferde hätten den Rest der Herde am Unterstellen gehindert, so dass die Hütte wieder abgebaut wurde. Offensichtlich ist hier niemand auf die Idee gekommen, eine zweite oder dritte Unterstellmöglichkeit anzubieten. 

Manchmal frage ich mich wirklich, ob wir Menschen vernunftbegabte Wesen sein.

Aktivstall

Der Aktivstall schien mir die nächstmögliche Alternative. Die Pferde haben freien Zugang zu allen möglichen Plätzen, erhalten ihr Futter elektronisch gesteuert. Aber: Pferde sind nicht doof. Auf dem Rehrhof hatte Madeira auch schnell begriffen, dass das 12-Uhr-Läuten Abmarsch in Richtung Stall und Heu bedeutete. Und die Pferde im Aktivstall lernen auch schnell, dass es das Futter an einer betimmten Stelle gibt und warten dann dort so lange, bis der Chip wieder aktiviert ist. Wozu lange wandern, wenn man nur die Zeit totschlagen muss?


Paddock-Trail

Vor zwei Wochen ist Madeira zur Herde der Stute meines Mannes umgezogen. Hänger kam nicht in Frage, weil sie immer noch nicht ganz alleine hinein ging. So entscheid ich mich, die knapp 20 km als Wanderreiterin zu überwinden. Das lief ganz ausgezeichnet. Auf dem Weg konnte ich beobachten, wie Pferde wandern. Während ich neben Madeira herlief, nahm sie hier und da ein oder zwei maulvoll Grünes und ging dann weiter. Sie kaute im Gehen. Sowie ich auf ihrem Rücken war, graste sie nicht mehr. Sie kann das offensichtlich klar differenzieren. Pferde grasen auch in der freien Wildbahn während des Wanderns. An besonders leckeren Stellen verweilt die Herde etwas länger, bevor es weiter geht. Nach diesem Prinzip ist ein Paddock-Trail konzipiert. Die Pferde laufen auf einem endlosen Pfad, an dem sie an verschiedenen Stationen ihre Bedürfnisse befriedigen können. Futterstation, Sandbad, Wasserstellen und Unterstellmöglichkeiten wechseln sich ab. Die Futterstationen sind mobil, so dass man auch hier Variable hat. So können die Pferde gar nicht erst solche Marotten, wie oben beim Aktivstall beschrieben, bilden können.


Fazit: In unserem dicht besiedelten Land ist nach meinem jetzigen Kenntnisstand der Paddock-Trail allen anderen Haltungsformen vorzuziehen. Die Suche geht weiter.


Madeira ist im Offenstall angekommen und scheint wirklich glücklich zu sein. Schau selbst ...





Sonntag, 23. April 2017

Was meinst du dazu?

Die Zeit vergeht. Aber sie geht nicht spurlos an uns vorbei. Irgendetwas passiert immer - mit uns. Es sind klitzekleine Kleinigkeiten, die uns vielleicht nie aufgefallen sind. Aber plötzlich ist der Zeitpunkt da. Sie springen ins Auge und lösen eine Lavine aus - eine Kette von Ereignissen. Eines provoziert das andere. Hätte ich mir nie ein Pferd gekauft, wüsste ich vermutlich nicht, was es bedeutet, einen Spiegel zu haben - einen Spiegel meiner Stimmungen, eine Reflexion meiner Seele. Hätte ich keine Kinder, wüsste ich vermutlich nicht, wie bedingungslos man lieben kann, wie verletzlich man sein kann, wie glücklich.

"Nichts ist so beständig, wie der Wandel." (Heraklit von Ephesus)

Ob wir wollen oder nicht: Wir verändern und mit jedem Ereignis, auf das wir treffen - oder das uns trifft. Manches tangiert uns nur, ein anderes trifft voll ins Schwarze. Veränderung bedeutet auch Abschiednehmen: Good-Bye-Sagen zu alten Gewohnheiten, Durchbrechen von Mustern, Loslassen von Dingen, die uns nicht gut tun. Manchmal ist Abschiednehmen auch nur der Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt.

Seit ich den Osteopathiekurs mache, habe ich nicht nur viel über Pferde gelernt, sondern auch über mich. Ich bin viel weniger duldsam, als ich es früher war. Ich nehme weniger als gegeben hin, sondern frage, wie ich mich dabei fühle. Was möchte ich wirklich? Wie kann ich das erreichen? 

Madeira und ich fanden in dem Stall zusammen, in dem ich meine ersten Lektionen als Reiterin erfuhr. Schon nach relativ kurzer Zeit fühlte ich mich dort eingeengt. Ich hatte niemanden, der mir helfen konnte, meinen Weg mit Madeira zu finden. Von Jetzt auf Gleich zog ich los, um meiner Stute ein neues Zuhause zu suchen. Spontanität scheint bei mir die größten Erfolge nach sich zu ziehen, denn wir wurden im Nachbarort fündig. Ich hatte kaum ein Bein auf den Hof gesetzt, als klar war, dass wir dorthin gehen werden. Endlich hatte ich genug Raum - nicht nur Platz - mein Pferd kennen zu lernen, Vertrauen aufzubauen und herauszufinden, woran wir beide Spaß haben. Es war ein behagliches, kuscheliges Zuhause, das mir aber inzwischen zu eng geworden ist. Nach drei Jahren ist es an der Zeit, den Anhänger rauszuholen und weiterzuziehen.

Mein Problem mit der Angelegenheit ist, dass Madeira jedesmal quitschnass vom Hänger kommt, nachdem wir irgendwohin gefahren sind. Woher das kommt, weiß ich nicht. Es wird gemutmaßt, dass sie Angst hat, irgendwo "abgesetzt" zu werden. Was auch immer der Grund ist - zum nächsten Hof ist es zu weit zum Reiten. Ich würde mit ihr auch gern zu Seminaren fahren. Das geht so aber nicht. Deshalb habe ich viel gelesen, Videos angeschaut und mit anderen Pferdemenschen gesprochen. Der Plan war schnell erdacht: Pferd in den Hänger, den Aufenthalt dort nett gestalten und wieder aussteigen. Das alles solange wiederholen, bis es keine Angst mehr hat. Dann kann eine kleine Tour gestartet werden, an deren Ende sie feststellen kann, dass sie nicht alleine ist, weil ich nach wie vor an ihrer Seite bin. Soweit der Plan. 

Wie sag' ich's meinem Kinde?

Heute empfahl mir eine Kommilitonin, mit meinem Pferd zu reden: ihm zu erzählen, dass sie umziehen wird, dass ich bei ihr bleiben werde und für sie da bin. Gesagt, getan. Ich bin also nach dem Kurs zum Stall, habe mein Pferd zum Spazierengehen geschnappt: "Madeira, wird müssen reden." Du glaubst es nicht, mir war schlecht vor Angst. Kann man sich das vorstellen, dass ich Angst hatte, meinem Pferd zu erzählen, dass sie umziehen wird? Ich hatte voll das schlechte Gewissen, sie nicht schon früher einbezogen zu haben. Ist das jetzt bekloppt? Übertreibe ich? Steigere ich mich in etwas hinein?

Wie auch immer. Mir war schlecht. Ich hatte das Gefühl, mein Pferd wie einen Kleiderschrank behandelt zu haben. Dem sagt man ja auch nicht: "Stell' dich bitte darauf ein: In der nächsten Woche wirst du zwei Straßen weiter aufgestellt. Es ist dort zwar etwas dunkler als hier, aber viel trockener." Wie kann ich partnerschaftliche Zusammenarbeit erwarten, wenn es an Offenheit fehlt? Ich habe mich schwer getan loszulegen. Madeira war voll damit beschäftigt, das frische Grün abzurupfen. Schon fast hektisch riss sie an Gras und Kräutern - und ich quatschte auf sie ein. " Was sagst du denn dazu?" Keine Antwort, hektisches Weiterrupfen. Ich habe sie also weiter zugequatscht und auf eine Reaktion gewartet. Irgendetwas muss das Pferd doch dazu sagen. Ich überwinde mich, erzähle alles, und sie frisst einfach weiter? Bin ich so uninteressant? Dramatisiere ich? Mist! Irgendwann hob sie den Kopf und flämte. Das hat sie noch nie getan. War das die Antwort, auf die ich gewartet hatte oder saß ihr einfach nur ein Pups quer? Ich werd's wohl nie erfahren.